Rick Johnson hatte sein ganzes Leben lang keine Probleme. Seine Eltern gehörten der amerikanischen Mittelschicht an, seine Mutter mit dem gebürtigen Namen Natascha Romanov stammte ursprünglich aus Russland und die Erziehung ihrer Kinder war für sie das wichtigste. Er wuchs in den späten Fünfzigerjahren gut behütet in einem texanischen Vorort auf, wo man alle Nachbarn kennt, sonntags mit der Familie in die Kirche geht und anschließend einen Braten isst. Seine Großeltern schauten jede Woche vorbei und seine Mutter brachte ihn jeden Samstag zum Footballtraining, wo er äußerst erfolgreich spielte und viel Anerkennung genoss. Sein Vater, ein gläubiger, strenger Mann, Weltkriegsveteran und Ingenieur bei einem Flugzeughersteller, bläute seinem Sohn immer wieder ein, hart zu arbeiten und erfolgreich zu sein, um später gut für seine Familie sorgen zu können. Rick hatte seinen Vater immer stolz gemacht, er war ein guter Schüler, sang im Kirchenchor und verdiente sich etwas Geld dazu, indem er ab und zu den Garten von Freunden pflegte. Doch irgendwann wurde er der Idylle und der Traditionen langsam überdrüssig und nach seinem achtzehnten Geburtstag verspürte er immer mehr den Wunsch, auszubrechen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sein Alltag war sehr monoton geworden und Rick entdeckte seine rebellische Seite.
In Europa begannen die Studentenrevolten, doch in den Vereinigten Staaten bekam man von dieser Stimmung außer über Fernsehbilder nichts mit. Ricks Freundeskreis veränderte sich, er begann Experimente mit weichen Drogen zu machen und sich gegen den Vietnamkrieg zu engagieren. Er lebte den amerikanischen Albtraum, zumindest aus Sicht seiner Eltern. Sie waren entsetzt und holten den örtlichen Pfarrer zu Hilfe, damit er wieder zur Vernunft kommen würde. Doch Rick war nicht mehr von seinen Überzeugungen abzubringen. Er nahm all seinen Mut zusammen und fuhr eines Nachts mit dem Wagen seiner Eltern nach Houston, wo er sich als blinder Passagier auf ein Kreuzfahrtschiff nach Indien begeben wollte. Er hatte einen Zettel auf dem Esstisch hinterlassen, auf dem er schrieb, dass er nicht für immer gehen würde, aber so nicht mehr leben könne. Wochen später kam er an und war von der neuen Kultur tief beeindruckt.
Er war noch nie außerhalb der Vereinigten Staaten gewesen, seine weiteste Reise war zum Mount Rushmore gegangen, als er noch ein kleines Kind war. Es erschien ihm alles so fremd und gleichzeitig so vertraut. Er wollte seine Spiritualität auf eine andere Weise erleben, nicht mehr durch stumpfes Beten in der Kirche, sondern durch Meditation und Askese. Viele Menschen, die er auf seiner Reise durch Indien traf, aßen aus religiösen Gründen kein Fleisch und versuchten sogar, ganz auf tierische Produkte zu verzichten, um ihr Karma nicht zu gefährden und aus Versehen einen ihrer wieder geborenen Verwandten zu essen oder zu töten. Rick hatte sich seit Jahren für den Vegetarismus interessiert und die ständigen Barbecues bei seinen Eltern, die teilweise römischen Orgien glichen, widerten ihn eher an, als dass sie ihm Spaß machten. Er fühlte sich hier so frei wie nie zuvor, er lebte in den Tag hinein, hatte kein Geld und schlug sich einfach durch. Sein Verzicht auf Fleisch tat ihm gut, er fühlte sich vitaler denn je und sein Gewissen war endlich frei von Kadavern.
Trotz aller positiven Erfahrungen verspürte er nach einiger Zeit eine immer stärker wachsende Sehnsucht nach seiner Familie und auch nach seinen alten Freunden. Er hatte hier zwar viele Kontakte, diese dauerten aber nie länger als ein paar Tage an und er schaffte es nicht, irgendwo Fuß zu fassen und sesshaft zu werden. Er beschloss, in die Heimat zurückfliegen. Dazu fehlte ihm aber das nötige Kleingeld und er trampte noch ein paar Monate weiter und fand schließlich eine Möglichkeit, es sich in der Nähe des Taj Mahals zu verdienen, indem er reiche Touristen chauffierte und Führungen anbot. Als er so weit war, zurück zu fliegen, hatte er sich äußerlich stark verändert, er trug lange Haare, einen Bart und ein weißes Gewand und seine Haut war inzwischen von der Sonne gegerbt. Er kam früh morgens am Flughafen in Houston an, nahm sich ein Taxi nach Hause und klingelte seine Eltern aus dem Schlaf. Sie hatten nach seinem Verschwinden monatelang gebangt und sich irgendwann damit abgefunden, dass er wohl nie wieder zurückkommen würde.
Umso größer war ihr Staunen und ihre Freude, als sie ihn so gesund und glücklich vor der Tür stehend fanden. Doch die Freude hielt nicht lange an. Seine neuen Hygienegewohnheiten (er hielt es nicht mehr für nötig, sich zu waschen und sein Zimmer zu putzen) und sein ständiges Schwärmen von der Schönheit Südostasiens und der Verkommenheit der westlichen Welt mit ihrem Materialismus und ihrer mangelnden Nächstenliebe stießen weder bei seiner Mutter, noch bei seinem Vater auf wenig Zuspruch. Die Situation eskalierte schließlich, als es mal wieder Zeit für einen Grillabend wurde und Rick sich weigerte, etwas von den Steaks zu essen, die sein Vater zubereitet hatte. Er erklärte ihnen, weshalb er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, Tiere zu verspeisen und nur noch Gemüse und Obst aß. Sein Vater, der im Zweiten Weltkrieg monatelang in Kriegsgefangenschaft gesessen hatte und wusste, wie schlimm es war zu hungern, konnte sich nicht mehr zurückhalten und jagte Rick aus dem Haus. Seine Mutter wollte ihn zurückhalten, doch sie wusste, wie aufbrausend er sein konnte und gab klein bei.
Er musste das Haus verlassen und machte sich auf den Weg nach Kalifornien, wo er sich Gleichgesinnte erhoffte, denn alle seine Freunde aus seiner Heimatstadt hatten in der Zeit, in der er weg war ihre Ideale aufgegeben und mit einem seriösen Studium begonnen. Er wollte sich noch mehr für Tiere engagieren und baute die Organisation PETA auf. Seine Methoden waren eher unkonventionell und er mochte es zu provozieren, Aufmerksamkeit auf sich zu richten und die Leute aufzurütteln. Es ging ihm finanziell besser, weil er sich neben seinem sozialen Engagement Geld als Yogalehrer dazuverdiente und er konnte sich eine kleine Wohnung in der Nähe von San Francisco, wo PETA ihren Sitz hatte, mieten. Seine berufliche Entwicklung ließ nichts zu wünschen übrig, doch die schmerzhafte Rauswurf seiner Eltern nagte schwer an ihm. Nachdem PETA im Laufe der Jahre immer mehr Zulauf bekam, ein Teil der US-Amerikaner von Triple Whoppern und Super Size Me-Menüs genug hatte und ein Bewusstsein für die Tiere entwickelte, nahm er sich eine Auszeit und versuchte, wieder mit seiner Familie Kontakt aufzunehmen. Er erfuhr, dass seine Eltern sich getrennt hatten und seine Mutter nach Russland zurückgekehrt war. Dort hatte sie einen anderen Mann geheiratet und ein Reformhaus in Moskau eröffnet. Nachdem Ricks Vater ihn vor die Tür gesetzt hatte, begann sie ihn zu verachten, seine Überzeugungen und auch seine Vorliebe für Fleisch. Sie lebte jetzt vegetarisch und wollte sich unbedingt mir Rick versöhnen.
Sie flog nach Kalifornien um ihn zu besuchen, doch als Rick auch seinen Vater bat, zu ihm zu kommen, lehnte er ab. Er war über die Jahre hinweg sehr herzlos geworden und kaum mehr Kontakt zu anderen Menschen. Natascha schaffte es, ein besseres Verhältnis zu ihrem verlorenen Sohn aufzubauen, doch dass der Vater sich so zurückzog, kränkte beide sehr. Als sie beide Jahre später gemeinsam in San Francisco Weihnachten feierten, erfuhren sie vom Tod von Ricks Vater. Er war völlig vereinsamt und an Darmkrebs gestorben, zu seiner Beerdigung kamen außer seinen beiden Angehörigen kaum andere Menschen. Rick hatte sich seit seiner Reise nach Indien gewünscht, wieder ein normales Verhältnis zu seiner Familie aufzubauen, und dieses Vorhaben hatte er nun zumindest bei seiner Mutter in die Tat umsetzen können. Dennoch fühlte er sich in den USA allein und beschloss schließlich, zu seiner Mutter nach Moskau zu ziehen und dort die russische Dépendance der PETA zu leiten. Am Wochenende fuhren sie auf den Landsitz von Nataschas wohlhabendem Gatten, und Rick sagte seiner Mutter immer wieder, wie glücklich er war, dass die ganze Sache so gut ausgegangen war, auch wenn der Tod seines Vaters ihn immer noch belastete. „Ich bin stolz auf dich“, sagte sie, und lächelte ihn dabei an.